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Am 1. Dezember 2004 eröffnete die Galerie am Gendarmenmarkt in
der Taubenstraße 20, unmittelbar am beeindruckenden historischen
Architekturensemble in Berlins Mitte ihre erste Ausstellung.
Ihr Schwerpunkt ist die figürliche Skulptur, die in der
Kunstgeschichte Berlins seit dem 19. Jahrhundert eigent- lich eine
hervorragende Rolle gespielt hat, wogegen sie heute im aktuellen
Kunstgeschehen eher stiefmütter- lich behandelt wird.
Die Galerie am Gendarmenmarkt knüpft an eine bedeutende
künstlerische Tradition der Stadt an, an die »Berliner
Bildhauerschule des 19 Jahrhunderts«, die bis in die erste
Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit ihrem Bemühen um die
Gestaltung der menschlichen Figur in der Plastik hinein wirkte.
Die Berliner Bildhauerschule ist eine
Kunstrichtung der realistischen und naturalistischen Porträt-
und Denk- malskunst im 19. Jahrhundert, der etwa 400 Bildhauer
angehörten....
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Die Berliner Bildhauerschule ist eine
Kunstrichtung der realistischen und naturalistischen Porträt- und
Denkmalskunst im 19. Jahrhundert, der etwa 400 Bildhauer angehörten.
Sie beginnt um 1785 mit Gottfried Schadow (1764-1850) und endet mit
den Schülern von Reinhold Begas (1831-1911) um 1915.
Johann Gottfried Schadow knüpfte an das Schaffen Andreas Schlüters
an und setzte dessen Romantik einen zum Teil schonungslosen
Realismus entgegen.
Die Bildhauerei seines Schülers Christian Daniel Rauch (1777-1875)
war bestimmt vom Bildungsideal der deutschen Klassik. Rauchs
Klassizismus ist geprägt von geschlossenen Konturen, straffer
Oberflächenbehandlung und formaler Strenge. Er verzichtete auf alles
Zufällige in der Anatomie oder im Kostüm. Die von Rauch geführte
Werkstatt wurde unter seiner Leitung zur Keimzelle der Berliner
Bildhauerschule.
Der Euphorie der Gründerzeit entsprach der Klassizismus der
Rauchschüler nicht mehr. Reinhold Begas (1831-1911) setzte ihm einen
Neobarock entgegen, der den Bedürfnissen nach Repräsentanz und
Betonung des Materiellen eher entsprach. Er löste die klassische
Formenstrenge durch einen sinnlichen, oft krassen Naturalismus mit
starker dekorativer pathetischer Tendenz ab.
Gegen die impressionistischen und malerischen Zügen der ansonsten
einflussreichen Plastik Auguste Rodins (1840-1917) blieben die
Berliner Bildhauer relativ autark, auch gegenüber anderen Strömungen
in der Plastik des beginnenden 20. Jahrhunderts. August Gaul
(1869-1921) und Hugo Lederer (1871-1940) setzten die klassizistische
Grundhaltung der Berliner Bildhauerschule fort.
Mit der expressionistischen Plastik von Ernst Barlach (1870-1938),
Käthe Kollwitz (1867-1945), Hermann Blumenthal (1905-1942) und
Wilhelm Lehmbruck gewann die Berliner Plastik neue Dimensionen. Die
neuen Erfahrungen mit der Verformung der menschlichen Figur als ein
den Ausdruck förderndes Mittel beeinflussten die Plastik
weitreichend.
Dagegen klang die klassizistische Grundhaltung der Berliner
Bildhauerschule nach 1945 vor allem in den Figuren Georg Kolbes
(1877-1947) nach und setzte sich im Werk Richard Scheibes
(1879-1964) und Renée Sintenis (1888-1965) fort. Diese gerieten aber
seit der Mitte der fünfziger Jahre gegenüber dem Vormarsch
abstrakter Plastiken von Karl Hartung (1907-1967), Hans Uhlmann
(1900-1975), des Spätwerkes Bernhard Heiligers (1915-1995) zunehmend
in den Hintergrund. Das radikale Auftreten des Kunsthistorikers Will
Grohmann (1887-1968) an der Berliner Hochschule der Künste gegen das
Abbild des Menschen in der Kunst förderten diese Tendenzen in der
Plastik des westlichen Berlins.
Ungeachtet dessen spricht der Berliner Kunsthistoriker Prof. Helmut
Börsch-Supan davon, dass die Tradition der Berliner Bildhauerschule
die Plastik Berlins über alle unterschiedlichen Richtungen hinweg in
dem Bemühen um das Menschenbild einte.
weniger
Hier knüpft die Galerie am Gendarmenmarkt an:
Werke bedeutender Bildhauer, die sich innerhalb der vielfältigen
Möglichkeiten plastischen Gestaltens im 20. Jahrhunderts – wie
Kubismus, Assemblage, Kinetik usw. – und besonders entgegen der
Vorherrschaft des Abstraktionismus auf dem westeuropäischen
Kunstmarkt nach 1945 der menschlichen Figur verschrieben haben,
wie Theo Balden (1904–1995),
Heinrich Drake (1903–1994),
Fritz
Cremer (1906–1993), René Graetz (1908–1974),
Waldemar Grzimek
(1918–1984), Ludwig Kasper (1893–1945),
Gerhard Marcks
(1889–1991), Gustav Seitz (1906–1969) und
Hans Wimmer (1907–1989), sind im Bestand der
Galerie bzw. Bestandteil ihrer Ausstellungstätigkeit.
Es folgt die Generation, zu der die Bildhauer
Joachim Dunkel,
Wieland Förster,
Gerd Jaeger,
Richard Heß,
Sabina Grzimek,
Ingeborg Hunzinger,
Waldemar Otto und
Karl-Heinz Krause gehören, die sich weiterhin der menschlichen Figur widmen.
In der neuen Ausstellungsreihe »Junge BildhauerInnen« beginnt
die Galerie im Jahr 2008 die jüngste Generation figürlicher
Bildhauerei in Berlin vorzustellen. Die Reihe beginnt mit
Plastiken, Reliefs und Zeichnungen von
Sarah Esser, einer
Absolventin der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.
Das Bemühen um das Menschenbild vereint die Galerie am
Gendarmenmarkt mit den Traditionen der Berliner Bildhauerschule
über alle unterschiedlichen Richtungen hinweg.
Daneben widmet sich die Galerie am Gendarmenmarkt auch der
Malerei jener Generation, die zunächst in der Zeit des
Nationalsozialismus in die Emigration getrieben wurde und
danach, entweder aufgrund der Formalis- musdebatte im Osten oder
wegen des entgegengesetzten Diktats der Gegenstandslosigkeit im
Westen Deutschlands, nicht die ihrem künstlerischen Rang
entsprechende Würdigung erfahren hat.
Ausstellungen und Werke der Maler
Hermann Bachmann (1922-1995),
Charles Crodel (1894–1973), Albert Hennig (1907–1098) und
Carl
Marx (1911–1991) stehen für diese ›verlorene‹ Generation.
Während Galerien naturgemäß auf neueste Tendenzen künstlerischer
Leistungen setzen, diese erfassen und vorausschauend fördern,
orientiert sich die Galerie am Gendarmenmarkt seit ihrer
Gründung sowohl in der Bildhauerei als auch in der Malerei
insbesondere auf die Bewahrung zeitloser, überkommener
Qualitätsmaß- stäbe in der bildenden Kunst des zwanzigsten
Jahrhunderts, auf dass diese verdienter Maßen im Blickfeld
bleiben und nicht verloren gehen, auf dass jenes, was von
künstlerischem Rang ist, sich behauptet gegenüber aktuellen
Tendenzen einer sich im Vormarsch befindenden Eventkultur.
Ergänzt wird der Bestand der Galerie durch Werke weiterer
Künstler, wie beispielsweise
Manfred Butzmann,
Sabine Heller,
Friedrich B. Henkel,
Horst Janssen (1929-1995),
Wolfgang
Mattheuer (1927-2002), Kerstin Seltmann,
Ursula Strozynki oder
Veronika Wagner. |